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Dienstag, 24. März 2015

Heißt es schon bald: Tschüss Kalifornien, war nett mit Dir?

F. William Engdahl

Gelegentlich hören wir Geschichten über den »Dust Bowl«, der während der Großen Depression in den 1930er Jahren Amerikas Getreideanbaugebiet im Mittleren Westen heimsuchte. Die andauernde Dürre wurde so schlimm, dass starke Winde, Dürre und Staubwolken in fast 75 Prozent der Vereinigten Staaten zur Plage wurden. Der Dust Bowl währte acht Jahre, von 1931 bis 1939. Von dem neuen Dust Bowl, der den bevölkerungsstärksten US-Bundesstaat auszutrocknen droht, hören wir hingegen kaum etwas, vor allem nicht von den nationalen Medien der USA.

Die Ursprünge des Dust Bowl der 1930er Jahre reichten zurück zur Einführung großflächiger mechanisierter Landwirtschaft in den Präriegebieten des Mittleren Westens. Anfang der 1920er Jahre löste die Zinspolitik der Federal Reserve eine schwere Rezession aus; um zu überleben, setzten Farmer auf Mechanisierung und die neuen Ford-Traktoren und anderes Gerät. Von 1925 bis 1930 wurden über zwei Millionen Hektar zuvor unbebauten Landes gepflügt. Dementsprechend fuhren US-Farmer in der Saison 1931 Rekordernten ein, zeitgleich mit dem Kollaps des Lebensstandards in der Großen Depression.

Das Ergebnis war eine schwere Überproduktion von Weizen, die die Marktpreise in den Keller schickte. Verzweifelt verschuldeten sich die Farmer und erweiterten ihre Felder, um überhaupt noch einen Gewinn zu machen – ganz ähnlich wie das, was wir heute auf den Schieferölfeldern in North Dakota und Texas beim Erdöl erleben. Das Resultat war, dass auf der ganzen Prärie Weizen wuchs statt der natürlichen dürreresistenten Gräser. Ungenutzte Felder ließ man brachliegen.

Der neue pflugbetriebene Anbau im Mittleren Westen führte zum Verlust von Humusboden, der buchstäblich vom Winde verweht wurde, sodass das Land durch Dürre verwundbar wurde. Dann blieb der Regen aus. 1932 wurden 14 Staubstürme, bekannt als »black blizzards«, gemeldet, in nur einem Jahr stieg die Zahl auf 40. Millionen Menschen mussten die Region verlassen. Erst 1939 brachte Regen eine Entspannung der Lage.

Nur noch für ein Jahr Wasser

Jetzt kommen wir auf Kalifornien zurück, Amerikas bevölkerungsreichsten Bundesstaat. Kalifornien hat 38 Millionen Einwohner, mehr als die meisten EU-Staaten. Mit seinem BIP von 2,2 Billionen Dollar im Jahr 2013 wäre Kalifornien als einzelnes Land die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt, nur überflügelt von den USA, China, Japan, Deutschland, Frankreich, Brasilien und Großbritannien. Kurz gesagt: Was in Kalifornien passiert, ist nicht nur wichtig für die Zukunft der Wirtschaft der USA, sondern auch der Weltwirtschaft.

Kalifornien ist Sitz konzentrierter Hochtechnologiezentren, vom Silicon Valley bis zu den großen wissenschaftlichen Laboratorien und Universitäten wie Berkeley und dem California Institute of Technology. Seit vier Jahren herrscht im Bundesstaat eine schwere Dürre. Mit jedem Tag sinkt der Pegel von Grundwasser und Stauseen, weitere Quellen versiegen.

Jay Famiglietti, führender Wasserwissenschaftler am NASA Jet Propulsion Laboratory desCalifornia Institute of Technology und Professor für Erdwissenschaften an der University ofCalifornia, Irvine, unterstreicht den Ernst der Lage in einem Gastbeitrag der Los Angeles Times.Nach seinen Angaben haben »spärlicher Regen und Schneefall im vergangenen Winter fast nichts bewirkt, die Dürre epischen Ausmaßes zu lindern. Es war der trockenste Januar seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1895. Grundwasser und Schneedecke sind auf einem Allzeit-Tief.Wir sind nicht nur in dem sprichwörtlichen Bach ohne Paddel, sondern wir verlieren auch den Bach.«

Famiglietti gilt in der Fachwelt als der führende Wasserwissenschaftler der USA, wenn nicht der Welt. Seine Warnung ist nicht die übliche Klima-Propaganda eines Al Gore. Sie beruht auf messbaren wissenschaftlichen Fakten. Er zitiert einige davon:

  1. Der Folsom Lake war am 20. September 2014 nur zu 35 Prozent seiner Kapazität gefüllt … Mehr als 600 leere Kais liegen auf dem Trockenen, aufgeplatzte Erde am Jachthafen Folsom Lake, einem der größten Inland-Jachthäfen in Kalifornien.
  2. Satellitendaten der NASA zeigen, dass die Gesamtmenge des gespeicherten Wassers in den Flussbecken des Sacramento und San Joaquin – d.h. Schnee, Fluss- und Stausee-Wasser, Wasser im Boden und Grundwasser zusammen – im Jahr 2014 34 Millionen acre-feet (ein acre-foot sind 1233,48 m3) unter normal ist. Der Verlust ist fast 1,5 Mal die Kapazität von Lake Mead, Amerikas größtem Wasserreservoir.
  3. Im gesamten Bundesstaat haben wir seit 2011 über zwölf Millionen acre-feet Gesamtwasser verloren. Fast zwei Drittel davon gehen auf das Konto von abgepumptem Grundwasser für die landwirtschaftliche Bewässerung im Central Valley. Farmer haben kaum eine andere Wahl, als während einer Dürre Grundwasser zu pumpen, besonders wenn das ihnen bei der bearbeiteten Fläche zugewiesene Wasser um 80 bis 100 Prozent gekürzt wird. Aber das Pumpen in diesem Ausmaß ist übermäßig und nicht nachhaltig. Brunnen fallen trocken. In einigen Gebieten des Central Valley sackt das Land um 30 Zentimeter oder mehr pro Jahr ab.
  4. Kalifornien geht das Wasser aus – und das Problem hat bereits vor dieser Dürre begonnen.NASA-Daten zeigen, dass die Speicherung von Wasser in Kalifornien rückläufig ist, spätestens seit dem Beginn der Satellitenbeobachtung im Jahr 2002.

Famiglietti schließt mit der ernüchternden Warnung: »Momentan hat der Bundesstaat noch Wasservorräte für ein Jahr in seinen Stauseen, und unsere strategische Reserve, das Grundwasser, verschwindet rapide. Kalifornien hat keinen Notfallplan für eine andauernde Dürre wie diese (geschweige denn für eine über 20-jährige Mega-Dürre), außer, wie es scheint, im Notfall-Modus zu bleiben und um Regen zu beten. Kurz: Wir haben kein Paddel, um diese Krise zu umschiffen.«

Kalifornien ohne Wasser, das heißt trockene Wasserhähne, kein Wasser in den Stauseen und kein Wasser für die Landwirtschaft. Trotz seines Images als Hightech-Staat ist Kalifornien nämlich einer der wichtigsten Nahrungsmittelproduzenten; betrieben wird intensives Bewässerungs-Agrobusiness, riesige Farmen produzieren einen Großteil der Früchte, Weintrauben und Milchprodukte für die Vereinigten Staaten. In den vergangenen Jahrzehnten haben große Agrobusiness-Kombinate das landwirtschaftliche Gebiet im Central Valley verändert, Seen und Flüsse wurden trockengelegt, um mehr Land für industriellen Anbau zu gewinnen.

Die Wirkung auf die Ökologie ist, ähnlich wie in Kansas oder Oklahoma in den 1930er Jahren, ein wichtiger Faktor, der die gegenwärtige Dürre ausgelöst, zumindest aber verschlimmert hat. Und bei allem modernen Hightech-Agrobusiness gibt es immer noch manuelle Arbeit, quasi Sklavenarbeit, ausgeführt von illegalen mexikanischen Wanderarbeitern auf der verzweifelten Suche nach Dollars. Laut einem Bericht des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses von 2005 gehörte das San Joaquin Valley zu den wirtschaftlich schwächsten Regionen der USA, vergleichbar mit der Appalachen-Region. Insgesamt liegt die Armutsrate in Kalifornien bei 23,5 Prozent, die höchste in den gesamten USA.

Augenzeugenbericht

Joseph Reed, ein studierter Geologe, der heute in der IT-Branche in Kalifornien arbeitet, hat dem Autor dieses Berichts eine Augenzeugen-Chronik der Katastrophe zugesandt, die er in den letzten vier Jahren in Kalifornien beobachtet hat: »Zu Beginn des Sommers letzten Jahres war ich am Lake Oroville. Damals war der Pegel bereits 18 Meter unter Normalhöhe. Meine Freunde in Oroville sagen mir, jetzt sei er 27 Meter unter normal. Das muss man gesehen haben, sonst glaubt man es nicht … Man muss dort stehen und diese riesige Wand von trockenem Schlamm und die Pfütze am Boden eines riesigen Sees gesehen haben, um das Ausmaß des Problems voll zu verstehen.« Lake Oroville ist der zweitgrößte Stausee im Bundesstaat Kalifornien. Hier und hier sind eindrucksvolle Bilder aus dem letzten Jahr.

Sein Bericht über die Zerstörung geht weiter: »Ich war … vor etwas mehr als einem Jahr … am Lake Shasta in der Nähe von Redding, dem Kerngebiet der nordkalifornischen Landwirtschaft. Damals war der Pegel mehr als 27 Meter unter dem Normalstand. Vor einigen Monaten habe ich Bilder gesehen, laut Bildunterschriften war er mehr als 36 Meter unter dem normalen Stand. Wie der offizielle Dürrebericht des Bundesstaats Bi-Weekly Drought Briefing meldet, war Lake Shasta am 16. März nur zu 58 Prozent seiner Kapazität gefüllt. Lake Shasta ist der größte Stausee in Kalifornien und Standort eines wichtigen Wasserkraftwerks.« Hier sind Fotos von Lake Shasta vomvergangenen Sommer.

Reed schließt mit den Worten: »Ich war auch am Lake Folsom, dem Wasserspeicher für Sacramento. Einer meiner Mitarbeiter hat dort ein Haus mit einem Ankerplatz für sein Boot. Nur dass der Ankerplatz jetzt auf trockenem Boden ist und man ein Fernglas braucht, um zu sehen, was vom Wasser noch übrig ist. Das sind die Seen. Das Grundwasser wird bald erschöpft sein und es ist zunehmend verschmutzt, wegen Frackings und der unterirdischen Entsorgung von Giftmüll (mit Genehmigung der Umweltschutzbehörde).«

Besonders beunruhigt, dass die Schneedecke der Sierra Nevada, die für die Wasserversorgung des Bundesstaats wichtig ist, weil der Schnee während der sommerlichen Anbausaison schmilzt, bei jüngsten Messungen in der ganzen Sierra »am oder sogar unter dem niedrigsten Wert [liegt], der je gemessen wurde; berücksichtigt wurden Werte bis zurück in die 1950er Jahre. Im Weekly Drought Briefing heißt es: ›Elektronische Schneesensoren zeigen, dass die Schneedecke in der nördlichen Sierra derzeit bei 14 Prozent des Normalwerts liegt, in der zentralen Sierra bei 18 Prozent und in der südlichen Sierra bei 19 Prozent.‹

Selbst nach einem Winter, der durchaus erhebliche Niederschläge brachte, waren die Wasserstände der Stauseen am 15. März laut dem Drought Briefing noch immer niedrig. Die größten Stauseen im Land sind:

  • Castaic Lake, 29% der Kapazität
  • Don Pedro, 43% der Kapazität
  • Exchequer, 9% der Kapazität
  • Folsom Lake, 59% der Kapazität
  • Lake Oroville, 50% der Kapazität
  • Lake Perris, 37% der Kapazität
  • Millerton Lake, 39% der Kapazität
  • New Melones, 25% der Kapazität
  • Pine Flat, 17% der Kapazität
  • San Luis, 68% der Kapazität
  • Lake Shasta, 58% der Kapazität
  • Trinity Lake, 48% der Kapazität«

Da er die Krise versteht, bestätigt Reed Jay Famigliettis Warnungen: »Es steht außer Frage, dass Washington seit Langem über diese Krise Bescheid weiß. Dass Washington und die Regierung des Bundesstaats Kalifornien nichts unternommen haben, um die Wasserversorgung zu schützen, hat weitgehende Auswirkungen. Und nein, ich glaube nicht, dass das aus Dummheit passiert, obwohl die ein Element bei der ganzen Sache ist. Es geht nicht nur um Wasser, es geht auch um Strom. Die Stauseen sind fast ohne Wasser. Kein Wasser, keine Stromerzeugung.«

Verliert Vegas die Wette?

Die Dürre trifft nicht nur Kalifornien, sondern weite Gebiete des Westens der Vereinigten Staaten. Der Pegel von Lake Mead, der 90 Prozent des Wassers für Las Vegas liefert, ist 44 Meter unter normal. Es wird erwartet, dass er bis Juni 2016 um weitere sechs Meter fällt. Dann naht der Stand, an dem sich die Entnahmerohre, über die Wasser nach Vegas transportiert wird, über der Wasseroberfläche befinden und »Luft einsaugen«, wie in diesem Telegraph-Artikel beschrieben. Ein neues Wasserentnahme-Rohr und eine Pumpstation stehen kurz vor der Fertigstellung, sie werden eingesetzt, falls es so weit kommt. Aber selbst das wird nicht als langfristige Lösung betrachtet. Wenn der Wasserspiegel weiter fällt, kann am Hoover-Damm, der den Colorado River aufstaut undden Lake Mead gebildet hat, kein Strom mehr erzeugt werden. Der Colorado River, der einzige große Fluss im Südwesten der Vereinigten Staaten, trocknet selbst aus. Er versorgt ungefähr 40 Millionen Menschen in sieben Bundesstaaten mit Wasser und bewässert rund 1,6 Millionen Hektar Ackerland.

Vielleicht erklärt das den jüngsten Vorstoß des US-Agrobusiness, sich fruchtbares Land in der Westukraine zu sichern. Zumindest weist es auf eine Krise hin, die bisher noch niemand offen diskutiert, weder in den USA noch international. Und es wirft die Frage auf, warum Washington Milliarden Dollar ausgibt, um eine islamische Armee zu bewaffnen, damit diese die Assad-Regierung stürzt, oder um die Regierung der Ukraine zu unterstützen, während sie gleichzeitig eine Krise ignoriert, die zum Verlust von einem Drittel der Nahrungsversorgung in den USA führen kann und das Leben von mehr als 40 Millionen Amerikanern direkt bedroht. Ist das Leben so vieler Amerikaner denn etwa keine Frage der »nationalen Sicherheit«?

Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass sich Präsident Obama, um das Leben von Millionen Amerikanern in Küstenstädten wie San Diego oder Los Angeles zu retten, möglicherweise an Wladimir Putin wenden und um die Lieferung schwimmender Kernkraftwerke bitten muss, um für diese Städte Meerwasser zu entsalzen.


Quelle: Kopp Online

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