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Dienstag, 8. September 2015

Wie man ein Monster erschafft

flickr.com/ Polybert49/ (CC BY-SA 2.0)
Beginnen wir mit einem Zitat. Im April 1860 schrieb der Lyriker Christian Friedrich Hebbel in sein Tagebuch:

„Es ist möglich, dass der Deutsche noch einmal von der Weltbühne verschwindet; denn er hat alle Eigenschaften, sich den Himmel zu erwerben, aber keine einzige, sich auf Erden zu behaupten, und alle Nationen hassen ihn wie die Bösen den Guten. Wenn es ihnen aber wirklich einmal gelingt, ihn zu verdrängen, wird ein Zustand entstehen, in dem sie ihn wieder mit Nägeln aus dem Grabe kratzen möchten.“

Die Reichsgründung 1871 mitzuerleben, war Hebbel nicht mehr vergönnt. Seine ahnungsvoll niedergeschriebene Sicht über das eigene Volk jedoch erwies sich als treffend. Denn der Deutsche stand in der Tat wie kein anderer dafür, sich den Himmel zu erwerben. Es war ein Deutscher, der es mit dem Papst aufnahm – und siegte. Nachdem nahezu das gesamte Mittelalter eine andauernde Auseinandersetzung zwischen Deutschem Reich und Papsttum gewesen war. Erstmals hatte die Menschheit direkten Zugang zum Himmel – ohne ihn durch ein totalitäres, das Volk in Unmündigkeit haltendes Religionssystem vorenthalten zu bekommen.

Es waren Deutsche, die in den Himmel von Mathematik, Philosophie und Musik vorstießen – weiter als je ein Mensch zuvor, Deutsche, die den Himmel von Literatur und Physik, Biologie und Chemie eroberten. Es waren Deutsche, die den Maschinen das Laufen lernten. Es war ein Deutscher, der den Sozialstaat erfand. Es war ein Deutscher, der die gesamte Tierwelt in eine Systematik überführte, ein Deutscher, der Westafrika zeigte, was Humanität bedeutet, es waren Deutsche, die Sibirien vermaßen und kartographierten, Deutsche, die das Krankenhaus, das Armenhaus, das Waisenhaus und die öffentliche Schule für alle erdachten. Weil der Deutsche nichts Geringeres zu akzeptieren bereit war als das Ideal, ein irdisches Abbild des Himmels, nachdem ihm mehr verlangte als jedem anderen.

Es war aber auch der Deutsche, dem es mehr als allen anderen daran mangelte, seinen Platz auf Erden unter den Völkern zu behaupten. Es war der Deutsche, der jahrhundertelang in der Kleinstaaterei vor sich hindümpelte, während um ihn herum König- und Weltreiche entstanden. Es war der Deutsche, der, sobald zur nationalen Einheit gefunden und aufblühend, wie selten ein Volk zuvor, alsbald in einen Krieg genötigt wurde, wie ihn die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte. Es war der Deutsche, der aus Gutgläubigkeit und Erschöpfung im anschließenden Vertrag die Alleinschuld akzeptierte und irrsinnige Reparationszahlungen über sich ergehen ließ.

Es war der Deutsche, der zurück in den Himmel der Freiheit wollte, der um die Anerkennung der Völker bettelte und sein erneutes, diesmal noch kürzeres Aufblühen mit einem noch perverseren Krieg bezahlen musste. Einem Krieg, der seine Zivilbevölkerung durch unvorstellbare Kriegsverbrechen dezimierte, der seine Städte zerstörte, ihm sein Land nahm und den Rest zerteilte, der seine Landsleute zu Millionen vertrieb und ermordete oder sie in Lagern verrecken ließ. Einem Krieg, der nie endete, weil nie Frieden mit dem Deutschen geschlossen wurde. Einem Krieg, durch den der Deutsche sich selbst für immer verlieren sollte. Gedemütigt und zerstört war er machtlos gegen den Raub an seiner Identität, an seinen nationalen Schätzen, Patenten, an seiner Geisteskraft; er wurde fremdbesetzt, umerzogen, verweichlicht und erhielt seine staatliche Souveränität nie zurück. Seit George Friedmans Aussagen wissen wir definitiv, dass dies, was vorher lediglich Verschwörungstheorie gewesen, die Wahrheit ist: Es war der Hass der anderen auf den Deutschen, der die Deutschen in beide Vernichtungskriege führte. Es war nicht die Bösartigkeit der Deutschen – nicht einmal die Hitlers.

Denn der Deutsche, der bis zum 20. Jahrhundert 1000 Jahre lang das kulturhistorische Herz Europas gewesen ist, war im Grunde immer ein eher friedliebender Bursche. Seine Ahnen, die germanischen und slawischen Stämme, breiteten sich – anders als die nordischen, keltischen und die südeuropäischen Völker – nicht zuerst durch Eroberungen, sondern durch Wanderung aus. Nicht die Germanen gingen durch Wort- und Vertragsbrüche in die Geschichte ein, sondern die südländischen Völker. Politik und absolute Herrschaft war dem Deutschen fremd. Er konnte gut ohne all das leben. Schon Tacitus sah in den Germanen einen aufrechten, aber naiven Menschenschlag. Dies ist bis heute im Grund unverändert geblieben, wie beispielsweise die durch den Euro hervorgerufenen Verwerfungen zeigen.

Nun scheint auch Hebbels letzte Prophezeiung wahr zu werden: Die Nationen, allen voran die USA, scheinen Deutschland endgültig geknackt zu haben. Zunächst musste die vor 1945 geborene Generation, in der noch die alte Kraft wohnte und die Deutschland aus dieser wieder aufbauen konnte, vergehen. Gleichzeitig zog man sich speziell im Westen eine Generation heran, bei der der Selbsthass und die Verachtung des Eigenen zum identitätsbildenden Moment wurde. Nun kann man die Früchte dieser bösen Saat einsammeln, indem man die mit seiner vermeintliche Stärke einhergehende Schwäche des Deutschen, seinen irrsinnigen Hang zum infantilen „gut sein“, gegen ihn selbst wendet. Johann Gottlieb Fichte beschrieb jene, offenbar schon vor über 200 Jahren in nicht wenigen Deutschen wohnende, realitätsferne „Menschenliebe, die immer gut sein und alles gut sein lassen“ will, als „Folge von Flachheit und innerer Zerflossenheit eines Geistes, der weder zu lieben vermag, noch zu hassen“.

Wie das Kaninchen vor der Schlange starrt der Deutsche nun mit zerflossenem Geist auf die Bilder vom Münchner Hauptbahnhof, ist paralysiert und handlungsunfähig. Weil er nicht weiß, was er tun soll, kauft er Windeln für die vielen kleinen Babys der armen Flüchtlinge, die jedoch dummerweise fast ausschließlich alleinstehende Männer sind. Aber er glaubt an die Babys, weil man es ihm so gesagt hat. Und sieht er auch hundertmal, dass da keine Babys sind: Er kauft Windeln. Er will eben seinen Himmel wahrmachen.

Oder ist das vielleicht schon gar nicht mehr der Deutsche? Befindet sich der eigentliche Deutsche, wie schon einmal dargelegt, fast nur noch östlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze? Es sieht ganz danach aus. Denn hier hasst der Deutsche sich noch nicht. Hier scheint er noch Achtung vor sich selbst zu haben. Selbstachtung, ohne die man den anderen – auch den Fremden – überhaupt nicht achten kann. Wenn die Deutschen eine Familie sind, dann sind sie eine, in der sich die Familienmitglieder gegenseitig hassen und verachten. Wie will eine solche Familie bestehen? Selbst jene, die Deutschland immer noch lieben, bezeichnen das Land als Packistan oder als Täuschland. Berechtigte Kunstbegriffe, inspiriert durch die aktuellen Ereignisse. Und dennoch ist es traurig, dass man gegenüber diesem Lande mental nur noch mit schwarzem Humor oder Verachtung durch den Tag zu kommen scheint.

Aller schlechten Dinge sind drei. Sollte die Vernichtung des Deutschen diesmal endgültig gelingen, dürfte es interessant werden, wie das Eintreffen von Hebbels letzter Voraussage aussehen könnte – dass nämlich die Völker den Deutschen mit Fingernägeln wieder aus dem Grabe herauskratzen wollen. Wenn Stephen King recht hatte, wird dann ein Monster zu ihnen zurückkehren.

Ihr Marko Wild


Quelle: Bürgerstimme


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