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Samstag, 19. März 2016

Die Jagd auf Boko Haram: Die USA tragen ihren Drohnen-Krieg mit einer geheimen Basis noch tiefer nach Afrika hinein

Luftpost - Von Glenn Greenwalds Website „The Intercept“ haben wir einen Bericht über eine neue geheime US-Drohnen-Basis in Kamerun übernommen.

Von Joshua Hammer

The Intercept, 25.02.16 (Link zum Originalartikel)

„GAROUA INTERNATIONAL AIRPORT“ steht auf einem Schild an dem aus Beton und Glas errichteten Terminal. Der Name ist etwas unpassend, weil wöchentlich nur drei oder vier Inlandflüge auf diesem verschlafenen Vorposten im Norden Kameruns nahe der Grenze zu Nigeria abgefertigt werden. Die Flüge finden auch nicht regelmäßig statt. Der altersschwache Jet, mit dem ich gerade von Douala nach Garoua geflogen war, machte eine nicht geplante Zwischenlandung in N‘Djamena, der Hauptstadt des Nachbarstaates Tschad, damit ein Minister an einem Begräbnis in der Nähe teilnehmen konnte. Deshalb kam das Flugzeug mit fünfstündiger Verspätung in Garoua an.


Das war aber nicht das einzige ungewöhnliche Vorkommnis bei meinem Flug mit der Cameroon Air. Mit mir saßen mehrere junge Männer in der Kabine, die wegen ihrer kurz geschorenen Haare und ihres athletischen Körperbaus leicht als US-Soldaten zu erkennen waren. Als ich aus dem Flugzeug auf das vor Hitze flirrende Rollfeld hinunterstieg, entdeckte ich ein seltsames Trio, das offensichtlich auf die jungen Männer gewartet hatte: Einen sonnengebräunten Weißen mittleren Alters, der eine Cargo-Hose und ein grünes T-Shirt trug und von zwei US-Soldaten in Tarnuniform flankiert wurde.

„Sind Sie der Bursche von der Navy?“ fragte mich der sonnengebräunte Mann.

„Sorry,“ antwortet ich. „Ich bin Journalist.“

Der Navy-Typ, ein blonder, schlaksiger Kerl mit einer Ray-Ban-Sonnenbrille und einem Tagesrucksack, näherte sich dem sonnengebräunten Herrn und stellte sich vor. Bald schlossen sich ihnen drei weitere US-Amerikaner aus dem Flugzeug an. Sie standen, scherzend neben dem Förderband der Gepäckausgabe, einer heruntergekommenen Halle mit verschrammten weißen Wänden, in der gleißende Neonröhren an elektrischen Leitungen baumelten. Dann trugen sie ihre Ruck- und Seesäcke zum Parkplatz und fuhren in Fahrzeugen mit Allradantrieb weg – zu einer nicht allzu weit entfernten neuen Militärbasis.

Bis vor Kurzem kamen aus dem Westen nur Großwildjäger und Safari-Teilnehmer nach Garoua; jetzt haben die unregelmäßig aus Douala und Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, eintreffenden Flugzeuge immer US-Amerikaner mit Bürstenhaarschnitt an Bord. Warum das so ist, kann man im Hotel Benoue, dem ersten Haus am Platz, erfahren, vor dem in der Abenddämmerung kreischende Flughunde flattern und in dessen Lobby meistens lokale Sicherheitsleute herumlungern. Das Hotel hat 100 Zimmer, eine Klimaanlage, aus der nur warme Luft strömt, einen Hinterhof-Garten mit Kokospalmen und einem Schwimmbad voller Risse, mit beschädigten Tischtennisplatten und einer Terrasse, auf der jeden Morgen das Frühstücksbüfett aufgebaut wird, das aus fettem Hühnerfleisch, schwarzen Bohnen und mürben Croissants besteht.

Ich saß Ende Januar auf der Hotelterrasse und belauschte einen stoppelbärtigen Engländer, der offensichtlich etwas mit dem erst Mitte Oktober 2015 in der Nähe des „Internationalen Flughafens Garoua“ errichteten US-Drohnen-Flugplatz zu tun hatte. Er führte ein aufgeregtes Gespräch mit einem jungen britischen Kollegen. Ein einheimischer Zivilbeschäftigter hatte Fotos von Hangars, Zelten, Soldaten und Bauarbeiten auf der neuen US-Basis gemacht und einige davon ins Internet gestellte. „Das war ein schwerer Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften,“ polterte der Engländer, „und den Scheiß Colonel (Oberst) hat er auch noch fotografiert.“

Im Lauf des Tages habe ich mich dann mit dem Engländer bekannt gemacht, als er an der Hotelbar ein „Castel Beer“ trank und sich in fließendem Französisch mit der Bardame unterhielt. Der Engländer, der nicht wollte, das sein Name genannt wird, weil er nicht mit Journalisten sprechen soll, erzählte, er habe fünf Jahre in einem Fallschirmjäger-Regiment der französischen Fremdenlegion auf Korsika gedient und dann als Angestellter einer Sicherheitsfirma für die britischen und die US-amerikanischen Streitkräfte im Irak und in Afghanistan gearbeitet. Jetzt sei er als „Einmann-Unternehmen“ für die Logistik und die Sicherheit der US-Basis zuständig; dort befänden sich derzeit 120 US-Amerikaner. Mit jedem Flug kämen aber weitere dazu. Er habe 50 Kameruner angeheuert, die in der US-Basis einfache Arbeiten verrichten, kochen und waschen, und er müsse aufpassen, dass sie Sympathisanten der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram (s. dazu auch hier) nicht mit Informationen versorgten.

Die US-Soldaten sollten nicht auffallen, und es sei ihnen verboten, mit Einheimischen zu fraternisieren oder Bars und Nachtklubs in Garoua zu besuchen.

„Da läuft irgendeine heikle Scheiße,“ meinte er. „Es geht wohl um Bengasi.“

Am 14. Oktober 2015 hatte Präsident Barack Obama dem Kongress mitgeteilt, der globale Krieg der USA gegen den islamistischen Terror werde jetzt noch an einer weiteren Front geführt: Er habe 300 US-Soldaten auf eine neue Drohnen-Basis in Kamerun in der Nähe der löcherigen Grenze zu Nigeria entsandt, weil die Boko Haram dort sehr aktiv sei. Diese Terrorgruppe wurde 2002 von einem fundamentalistischen islamischen Prediger in Maiduguri im armen Nordosten Nigerias gegründet; Boka Haram lehnt die Bildung, Literatur und Wissenschaft des Westens ab und begeht seit 2010 Terrorakte, bei denen in den letzten fünf Jahren mehrere zehntausend Zivilpersonen vergewaltigt, gefoltert und getötet wurden.

„Die US-Soldaten … werden in Kamerun bleiben, bis ihre Hilfe nicht mehr gebraucht wird,“ hatte Obama angekündigt. Ein Vertreter des Weißen Hauses erklärte später, es handle sich nicht um Kampftruppen, denn es gehe nur darum, Informationen zu sammeln und Überwachungsaufträge durchzuführen. Der Präsident äußerte sich nicht zur genauen Position der neuen US-Basis, aber Michael Hoza, der US-Botschafter in Kamerun, teilte später mit, sie liege neben einem Flugplatz der Luftwaffe Kameruns bei Garoua. Trotz der Ankündigung des US-Präsidenten wurde die neue Basis offensichtlich noch nicht von westlichen Journalisten besucht, und in den US-Medien wurde auch kaum darüber berichtet.

Weil sich auch das Pentagon nicht dazu äußerte, bin ich hingereist, um herauszufinden, was dort vorgeht.

Garoua steht für die jüngste Ausweitung des verdeckten Drohnen-Krieges der USA gegen den Dschihad in Afrika. Bemannte Flugzeuge und Drohnen sind bisher schon in Dschibuti, dem wichtigsten Stützpunkt für US-Drohnen auf dem afrikanischen Kontinent, gestartet – außerdem in Äthiopien und in Kenia und auf US-Schiffen vor der Küste Ostafrikas. Drohnen des Typs MQ-1 Predator (s. hier) und ihre größere Variante, die Drohne MQ-9 Reaper (s. hier), sind auch in Niamey in Niger, in N‘Djamena im Tschad und auf dem Internationalen Flughafen auf den Seychellen stationiert. Weitere US-Drohnen-Basen werden folgen. Im Budget für das Haushaltsjahr 2016 sind 50 Millionen Dollar für den Bau einer Basis mit Flugfeld in der Stadt Agadez in Niger „zur Unterstützung von Operationen in Westafrika“ vorgesehen. (Weitere Infos dazu s. unter diesem Link.)

Das Drohnen-Projekt in Garoua startete Mitte 2015, als die Terrorgruppe Boko Haram ihre militärischen Operationen auf das ganze Becken des Tschad-Sees ausweitete – auf ein immer mehr austrocknendes Savannen- und Wüstengebiet, das sich über ein halbes Dutzend Staaten in Zentralafrika erstreckt. Das für die US-Militäreinsätze auf dem schwarzen Kontinent zuständige U.S. Africa Command / AFRICOM (in Stuttgart) war unzufrieden mit den unzureichenden geheimdienstlichen Erkenntnissen aus den von Boko Haram bedrohten Staaten Kamerun, Nigeria, dem Tschad, Niger und Benin. „Sie stammten größtenteils von Informanten, die mit Ferngläsern aus dem Ersten Weltkrieg ausgerüstet sind,“ sagte mir ein westlicher Diplomat, dessen Stimme ich nicht aufzeichnen durfte. Als ein mit Drohnen des Typs MQ-1C Grey Eagle (weitere Informationen dazu s. unter diesem Link) ausgerüstetes Team von einer anderen Überwachungsaufgabe freigestellt wurde, suchte das AFRICOM nach einer Drohnen-Basis im Herzen der Kampfzone (um den Tschad-See). Das US-Militär hatte bereits gute Beziehungen zu den Streitkräften Kameruns, weil Soldaten der U.S. Special Forces das Bataillon d’intervention rapide / BIR (s. dazu auch hier) Kameruns ausgebildet hat, das entlang der Grenze zu Nigeria operiert. Nach Meinung der Kameruner hat sich das AFRICOM deshalb für Garoua entschieden.

Mit der neuesten Drohnen-Basis wurde ein teures, militärisches Hightech-Objekt in einem armen, unterentwickelten afrikanischen Land errichtet. Anfang Februar wurde die Basis in Betrieb genommen; sie beherbergt eine Drohnen-Flotte von vier „Grey Eagles“ (Grauen Adlern), dem Nachfolgemodell der Predator-Drohne, die ebenfalls von der Firma General Atomics gebaut wird. Die vier Drohnen, die im Wechsel täglich 24-stündige Überwachungsflüge durchführen können, liefern den Analysten der US-Geheimdienste lückenlose Informationen über die Streifzüge der Boko Haram, ihre Bomben-Fabriken und ihre Camps. Die werden an die multinationale Truppe von 8.700 afrikanischen Soldaten weitergeleitet, die im Tschad-Becken die Boko Haram bekämpft.

Um die jüngste Drohnen-Basis bauen zu können, musste man sich mit Paul Biya, dem Präsidenten Kameruns, verbünden, einem korrupten Machthaber, der seit 33 Jahren und fast so lange wie Robert Mugabe in Simbabwe (s. hier) regiert. Im Bericht einer Menschenrechtsorganisation aus dem Jahr 2014 ist zu lesen:
 

„Biya hat ein System korrupter und autokratischer Machtausübung aufgebaut und missbraucht die Polizei und die Gerichte dazu, seine Gegner einsperren und Dissidenten, Oppositionelle und Journalisten überwachen zu lassen. Seine Geheimpolizei kontrolliert die Universitäten, und seine Armee patrouilliert regelmäßig in den Städten; alle öffentlichen Versammlungen müssen genehmigt werden.“ 
Biya soll sich ein Privatvermögen von mehr als 200 Millionen Dollar angeeignet haben; das Durchschnittseinkommen in Kamerun beträgt nur 1.350 Dollar pro Jahr.

Die Drohnen werden derzeit zwar nur zur Überwachung eingesetzt, sie könnten aber, wie die Vergangenheit lehrt, jederzeit auch mit Hellfire-Raketen (s. unter diesem Link) oder Viper Strike Bombs (s. dazu auch hier) bewaffnet werden. Wenn das ferngesteuerte Töten vom Himmel beginnt, sterben meistens die falschen Leute: Aus geheimen Militärdokumenten, die im November 2015 von The Intercept veröffentlicht wurden (s. unter diesem Link), geht hervor, dass auf dem Höhepunkt des Drohnen-Krieges in Afghanistan von den in fünf Monaten bei Drohnen-Angriffen getöteten Personen 9 von 10 unbeteiligte Zivilisten waren. Viele zivile Drohnen-Opfer rufen immer Gegenreaktionen in der Bevölkerung hervor; die gab es auch schon beim US-Drohnen-Krieg im Jemen, in Somalia und in Afghanistan.

Am 12. Oktober 2015 kam eine Vorhut der Truppe mit den Grey Eagles in Garoua an. Ein Lokaljournalist, der die US-Basis im Auge behält, sagte mir, 20 US-Soldaten hätten sich vorübergehend im Hotel Benoue einquartiert, 80 weitere hätten in Zelten und in einem Hangar innerhalb der von einer Mauer umgebenen Basis der Luftwaffe Kameruns kampiert. Drei Tage später und einen Tag nach der Ankündigung des Präsidenten Obama vor dem Kongress habe Präsident Biya verspätet bekannt gegeben, er habe eine Vereinbarung über eine unbegrenzte Anwesenheit von US-Truppen auf dem Territorium Kameruns abgeschlossen. Um die Leute, die Fragen zu stellen begannen, zu beruhigen, erklärte dessen Regierung, die US-Soldaten seien gekommen, um den Kampf gegen die Boko Haram zu unterstützen, „Was suchen die hier? Was ist der wirkliche Grund für ihre Anwesenheit?“ wollten die Kameruner nach Swabokas Bericht wissen.

Die US-Soldaten vermieden es, aufzufallen und verbrachten ihre Tage mit Arbeiten auf der neuen Base; die 20 im Benoue untergebrachten Soldaten kehrten erst nach Einbruch der Dunkelheit ins Hotel zurück und arbeiteten dort an ihren Laptops. Kurz nach Ankunft der US-Soldaten lud der Gouverneur der Nordprovinz Kameruns die traditionellen Stammesführer zu einem Treffen ein, um sicherzustellen, dass die Einheimischen die US-Amerikaner willkommen heißen. Er versammelte die Stammesführer in einem Konferenzraum seines Amtssitzes. Einer von Ihnen, Chief Djoubani Lawan, berichtete später: 

„Die US-Amerikaner sind nur hier, um die Bevölkerung vor den Terroristen zu schützen. Wir sollen sie mit offenen Armen aufnehmen und ihre Arbeit tun lassen.“ 
Wir saßen in seinem sandigen Hof am Rand der Stadt. Der zerbrechlich wirkenden 75-Jährige trug einen Umhang, aus dem seine dünnen Beine herausragten; sein entzündeter rechter Fuß stand in einer mit jodiertem Wasser gefüllten Keramikschüssel. Der alte Mann war noch ganz aufgeregt und machte sich Gedanken, wie er den Menschen seines Stammes die Anwesenheit der US-Soldaten erklären könnte.

Einige Einwohner Garouas waren überzeugt davon, dass sich die US-Amerikaner nur für die Ausbeutung der Ölvorkommen interessieren, die an der Grenze Kameruns zum Tschad vermutet werden. Andere warfen den US-Soldaten vor, zu spät gekommen zu sein, denn in Nigeria marodierende Kämpfer der Boko Haram hätten in Kamerun bereits 1.200 Zivilisten getötet. Ein Spitzenpolitiker der Opposition hat das Gerücht gestreut, die US-Amerikaner seien nur gekommen, um ihre Interessen bei der Errichtung einer Pipeline zwischen dem Tschad und Kamerun durchzusetzen. Er bezog sich dabei auf eine von der Weltbank mit vielen Millionen Dollars finanzierte, bereits 2003 vollendete Leitung, über die Erdöl von drei Ölfeldern im Tschad zu einer 600 Meilen (960 km) entfernten schwimmenden Ölverladestation im Golf von Guinea transportiert wird. Lawan forderte seine Stammesangehörigen auf, den US-Amerikanern nichts zu unterstellen. Er sagte zu mir: 


„Ich weiß, dass die USA der mächtigste Staat der Welt sind; deshalb sollte uns die Anwesenheit von US-Soldaten beruhigen.“

Der US-Botschafter war in den letzten vier Monaten schon mehrmals in Garoua, um den örtlichen Behörden und der Bevölkerung die Anwesenheit der US-Soldaten zu erklären. Die Soldaten selbst tauchen nur ganz selten in der Stadt auf. Für Dienstleistungen auf ihrer Base wurden einheimische Firmen und Arbeiter angeheuert. „Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viel zu tun,“ erzählte mir ein Libanese mit Brille, dessen Großeltern schon vor Jahrzehnten nach Kamerun gekommen waren. Er habe einen Vertrag, den Laden der Base mit Bier und anderen Getränken zu beliefern. Die US-Soldaten haben mit bescheidenen Mitteln eine Sympathiekampagne gestartet. Sie verteilen Nahrungsmittel an bedürftige Einwohner Garouas: Sardinenkonserven, Tomaten, frische gegrillte Hotdogs und Hamburger. Aus Sicherheitsgründen bedienen sich die Soldaten dabei eines einheimischen Übermittlers, der die Nahrungsmittel täglich mit einem Lieferwagen abholt und mit Unterstützung der Stammesältesten an Bedürftige verteilt. Als sich die US-Soldaten nach Haustieren erkundigten, die sie auf der Base halten könnten, schenkte ihnen Chief Lawan über den Vermittler ein Kaninchen, einen Hund und eine Katze.

„Ich hätte gern mehr Kontakt zu den US-Soldaten, sie wollen das aber nicht,“ bedauerte Lawan; er sieht sie immer nur kurz durch die Fenster ihrer Fahrzeuge, wenn sie nach Maroua fahren, in die Hauptstadt der nördlichsten Provinz Kameruns; dort bildet nach Aussage eines einbezogenen US-Journalisten ein kleines Team der U.S. Special Forces Soldaten der Armee Kameruns aus.

Der Tageslohn der auf der US-Basis beschäftigten einheimischen Arbeiter entspricht dem Wert von 10 Dollars und ist im armen Norden dieses Landes sehr hoch; man hat durchblicken lassen, dass jeder, der Informationen über die US-Basis weitergibt, seinen Job verliert. „Trotzdem kann man ihnen nicht vertrauen,“ erklärte der britische Security-Mann. Ein US-Militärsprecher bestand jedoch darauf, dass alles O.K. sei.

Auf der Rückfahrt vom Anwesen des Chiefs Lawan am Stadtrand von Garoua kam ich an dem Flugplatz vorbei, den die Streitkräfte Kameruns als Air Base 301 bezeichnen. Er wurde vor rund 100 Jahren von deutschen Firmen errichtet. Kamerun war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges eine deutsche Kolonie, und deutsche Unternehmen haben Brücken, Flughäfen und andere Infrastruktureinrichtungen gebaut. Der Flugplatz teilt seine bröckelnde Start- und Landebahn von 2 Meilen (3,2 km) Länge mit dem angrenzenden Zivilflughafen und kann von Mirage-Jägern und anderen Kampfjets angeflogen werden.

Wir fuhren an einer niedrigen, rosa gestrichenen, mit gerolltem Stacheldraht erhöhten Mauer entlang, die sich eine Meile (1,6 km) durch den Busch zog. Daran waren Warnschilder mit der in französischer Sprache gehalten Aufschrift „Achtung Militärgelände, Zutritt verboten, Lebensgefahr!“ befestigt. Jenseits der Mauer waren ein Kontrollturm und eine ganze Reihe grüner Baracken mit Wellblechdächern zu sehen. Auf dem Flugplatz befinden sich die Flugschule der Luftwaffe Kameruns und Unterkünfte für 600 Soldaten. Vor dem Haupteingang steht auf einer gepflegten Rasenfläche ein auf einem Sockel montierter Kampfjet, der in den Farben der Fahne Kameruns – grün, rot, gelb – angestrichen ist. Sechs Soldaten der Luftwaffe Kameruns standen Wache. Die US-Soldaten und ihre Drohnen müssen sich tief im Innern der Base befinden und waren von der Straße aus nicht zu sehen.

Ich fragte meinen Fahrer, ob wir nicht in den Flugplatz hineinfahren könnten. Mit der Bemerkung, „Das ist unmöglich!“ lehnte er erschrocken ab. Er könne sich den Wachposten nicht ohne Genehmigung nähern. Die Beziehungen zwischen der Zivilbevölkerung und den in Garoua stationierten einheimischen Soldaten seien seit 2014 sehr gespannt. Damals seien Soldaten der Air Base 301 in benachbarte Häuser eingedrungen, um den Tod eines von einem einheimischen Zivilisten umgebrachten Kameraden zu rächen. Mit Gewehrkolben und Knüppeln hätten sie Anwohnern den Schädel eingeschlagen und anderen Knochenbrüche und schwere Verletzungen zugefügt.

Außerdem ist die Sicherheit des Flugplatzes bedroht, seit die Boko Haram begonnen hat, Militärbasen entlang der Grenze nördlich von Garoua anzugreifen. Diese Angriffe haben in der normalerweise eher verschlafenen Basis hektische militärische Aktivitäten ausgelöst. Von der Base aufsteigende Alpha-Kampfjets (s. hier) überwachen die Boko Haram, und als die Dschihadisten im Dezember 2014 ein Militärcamp in Grenznähe eingenommen haben, hat Präsident Biya persönlich einen Luftangriff auf diesen Grenzposten angeordnet. Bei dem Angriff wurden mehrere Kämpfer getötet und der Rest vertrieben. Damals wurde die Luftwaffe Kameruns erstmals gegen die Boko Haram eingesetzt.

„Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich sagen, dass mir die Überfälle der Boko Haram ganz gelegen kamen,“ erklärte Oberst Barthélémy Tsilla, der Kommandeur der Air Base 301, gegenüber US News Africa (s. hier). 


„Jetzt kann ich meine Flugzeuge gegen reale Ziele einsetzen und ihre Wirksamkeit überprüfen.“ Er fügte noch hinzu: „Für die Männer ist es gut, zu wissen, dass es jetzt nicht mehr um Spaß, sondern um Krieg geht.“

Der Einzug des US-Militärs in Kamerun ist ein Beleg dafür, dass sich die terroristische Bedrohung auf Zentralafrika ausgeweitet hat. Die Boko Haram hat zuerst in Maiduguri, der Hauptstadt der Region Borno im Norden Nigerias, Fuß gefasst – 180 Meilen (288 km) nordwestlich von Garoua. Ihr Gründer war ein selbsternannter Prediger namens Mohammed Yusuf, der alle aus dem Westen stammenden Einrichtungen und Ideen als „haram“ – nach islamischem Recht verboten – erklärte und die Muslime aufforderte, die Gesetze des Staates Nigeria zu missachten. Nach Zusammenstößen zwischen bewaffneten Anhängern Yusufs und nigerianischen Sicherheitskräften wurde Yusuf 2009 von der gefürchteten Motorisierten Polizei Nigerias festgenommen und sofort exekutiert. Sein Nachfolger Abubakar Shekau, der ihm als „Propagandachef“ gedient hatte, löste eine „Kampagne der Gewalt gegen alle staatlichen Einrichtungen und Staatsdiener“ aus. Boko Haram hat hunderte von Selbstmordattentaten veranlasst, Kirchen und Schulen niedergebrannt, ganze Dörfer zerstört und Tausende von Mädchen und Frauen gekidnappt und zu Sexsklavinnen gemacht. Seit Beginn der Gewalttaten wurden schon über 20.000 Nigerianer getötet.

2012 weitete die Boko Haram ihre Überfälle auf den Tschad, auf Niger und vor allem auf Kamerun aus. Dort ist eine neue, wenig bekannte Frontlinie im Kampf gegen den Terrorismus entstanden. Die Boko Haram scheint dabei drei Ziele zu verfolgen: Sie nutzt das Grenzgebiet, um der nigerianischen Armee zu entkommen, die ihr nicht über die Grenze folgen darf; sie unternimmt lukrative Raubzüge, und sie versucht ihren Einflussbereich auszudehnen und ein grenzübergreifendes Kalifat zu errichten. 2013 haben Boko-Haram- Kämpfer einen in Yaoundé wohnenden französischen Ölmanager mit seiner Frau und ihren vier Kindern gekidnappt, während die Familie im Waza-Nationalpark im Norden Kameruns Urlaub machte. Die französische Regierung soll sie mit einem Lösegeld von 11 Millionen Euro freigekauft haben. In den darauffolgenden sechs Monaten entführte die Boko Haram einen französischen und zwei italienische Priester, eine kanadische Nonne, und 10 chinesische Straßenbau-Ingenieure, um weiteres Lösegeld zu erpressen. Als Ende 2015 alle Ausländer aus Nordkamerun ausreisten, begann Boko Haram begüterte Kameruner zu entführen. Bei einem spektakulären Überfall auf ein islamisches Fest im 10 Meilen von der Grenze entfernten Kolofata nahm die Boko Haram 17 Geiseln, darunter die Frau eines Ministers der Regierung Kameruns.

Obwohl sowohl Nigeria als auch Kamerun unter der Boko Haram leiden, hat ein seit langem schwelender territorialer Streit bisher eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung der Terroristen verhindert. Wegen der ölreichen Bakassi-Halbinsel am Golf von Guinea, die von beiden Staaten beansprucht wird, kam es in den 1980er und 1990er Jahren wiederholt zu Zusammenstößen zwischen ihren Armeen. 2007 hat der von den Vereinten Nationen eingesetzte Internationale Gerichtshof die begehrte Halbinsel Kamerun zugesprochen. Nigeria hat zwar seine Armee zurückgezogen, fühlt sich durch die Gerichtsentscheidung aber immer noch benachteiligt. Im Guardian, der wichtigsten Zeitung Nigerias, wurde die vom Gericht verfügte Abtrennung der Halbinsel als „Vergewaltigung“ bezeichnet. Die Beziehungen zwischen beiden Nachbarstaaten befinden sich seither auf einem Tiefpunkt.

Als sich die Boko-Haram-Überfälle im Jahr 2014 häuften, lud der französische Präsident Hollande seine Präsidenten-Kollegen Goodluck Jonathan aus Nigeria und Paul Biya aus Kamerun zusammen mit den Präsidenten von Benin, Niger und dem Tschad zu einem Gipfeltreffen nach Paris ein. Man verständigte sich darauf, die Boko Haram nach einem „globalen und regionalen Aktionsplan“ gemeinsam zu bekämpfen. Hollande versprach, Frankreich werde sich mit geheimdienstlichen Informationen, bei Grenzkontrollen und durch die Verlegung von Militäreinheiten in die Region um den Tschad-See beteiligen und bei wachsender Gefahr auch selbst militärisch eingreifen. Auch die USA sagten – zuerst zögernd – ihre Unterstützung zu.

Als 2014 Boko-Haram-Kämpfer 276 Schülerinnen aus einem Wohnheim im Dorf Chibok entführten, verlegte die Obama-Regierung Überwachungsdrohnen nach N‘Djamena (in die Hauptstadt des Tschad), um die nigerianische Armee bei der Suche nach den verschwundenen Mädchen zu unterstützen. Berichte über willkürliche Tötungen, Folterungen und andere Menschenrechtsverletzungen durch das nigerianische Militär verhinderten ein stärkeres Engagement des Weißen Hauses. Die Situation änderte sich, als der glücklose Präsident Jonathan im März 2015 abgewählt und durch Muhammadu Buhari, einen ehemaligen militärischen Diktator, ersetzt wurde, der versprach, die Übergriffe nigerianischer Soldaten zu beenden. Das Pentagon stellte den Nigerianern gepanzerte Fahrzeuge zur Verfügung und entsandte zwei für Kontrollflüge geeignete Cessnas nach Niger. Großbritannien, Frankreich, China und Russland stellten ebenfalls Ausrüstung und Ausbilder zur Verfügung.

Unter dem neuen Präsidenten Buhari waren einige Fortschritte zu verzeichnen. 2015 gelang es der Armee des Tschad – der besten in dieser Region – bei ihrem ersten Grenzübertritt die Boko Haram in der nigerianischen Provinz Borno zu stellen. Unter dem Druck der Truppen aus dem Tschad und der aufgerüsteten nigerianischen Armee mussten die Boko-Haram-Kämpfer Gebiete von der Größe Belgiens räumen und Dutzende von Dörfern und Städten aufgeben, die sie 2014 erobert hatten.

Die Armeen Nigerias und Kameruns teilten immer noch keine Informationen miteinander aus und kämpften auch nicht gemeinsam über die Grenze hinweg; deshalb konnte sich die Boko Haram erneut im Grenzgebiet zwischen beiden Staaten einnisten. Als vor fünfzehn Monaten die Trockenzeit begann, fielen bis zu 1.000 Boko-Haram-Kämpfer in Kamerun ein und brachten dessen Armee mit improvisierten Sprengfallen, von der nigerianischen Armee erbeuteten Panzern und mit schweren Maschinengewehren ausgerüsteten eigenen Pickups in große Bedrängnis. Die islamistischen Kämpfer fügten den Truppen Kameruns schwere Verluste zu, konnten einige Militärbasen erobern und das umliegende Gelände besetzen.

Als Antwort flog die Armee Kameruns ihre ersten Luftangriffe auf die Boko Haram und verstärkte ihre Front mit BIR-Elitesoldaten, denen es mit der Hilfe von Ausbildern der U.S. Special Forces gelang, Sprengfallen der Terroristen unschädlich zu machen. Die direkten Angriffe auf Militärbasen Kameruns hörten zwar auf, aber die Boko Haram wandte jetzt eine furchterregende neue Taktik an. „Sie stellte ihre Frontalangriffen auf Stützpunkte der Armee ein und ging zu Kamikaze-Angriffen (s. Link) auf Zivilisten über,“ teilte mir Leutnant Emmanuel Mbede, ein Sprecher der Arme Kameruns, mit.

Er hat nicht übertrieben. Im Dezember 2015 tötete eine junge Selbstmordattentäterin in einer Moschee in Kolofata sieben Menschen, und am 13. Januar riss ein Selbstmordattentäter beim Morgengebet in einer Moschee im nahegelegenen Kouyape 13 Menschen mit in den Tod. Zwei Wochen später starben 32 weitere Zivilisten und 66 wurden verletzt, als zwei Selbstmordattentäterinnen nur wenige Meilen von der Grenze entfernt auf einem belebten Marktplatz in Bodo ihre Sprenggürtel zündeten. Und im Februar mischten sich im Dorf Nguetchewe südlich von Kouyape zwei junge Frauen unter die Teilnehmer einer Totenwache und sprengten sich in die Luft. Dabei wurden sechs Menschen getötet und mehr als 30 verletzt.

Die so genannte Infiltrationszone beginnt 100 Meilen (160 km) nördlich von Garoua und ist über eine zweibahnige asphaltierte Autobahn zu erreichen; wir rollten in einer ausgedörrten Landschaft mit erloschenen Vulkanen durch verdorrte Mais- und Hirsefelder und Dörfer mit strohgedeckten Rundhütten aus Lehmziegeln. Auf dem Weg nach Maroua passierten wir mehrere Gendarmerieposten, die eingesickerte Boko-Haram-Kämpfer aufbringen sollen. Kurz vor der Stadt verließen wir die Autobahn und fuhren auf einer noch nicht befestigten Straße, an der 2013 die 10 chinesischen Bauingenieure gekidnappt worden waren, nach Nordwesten Richtung Grenze; bald erreichten wir eine felsige Abbruchkante, die Kamerun von der Provinz Adamawa in Nigeria trennt. Wir waren in einem Sperrgebiet, das niemand ohne Genehmigung des Militärs betreten darf. Mehr als 2.000 Soldaten der Armee Kameruns haben sich entlang der steilen Böschung verschanzt; es gibt aber viele Schleichwege, die schwer zu kontrollieren sind. Die Boko-Haram-Kämpfer können die Grenze nach Belieben überqueren.

Nach weiteren 5 Meilen (8 km) erreichten wir Maroua, eine arme, aber lebendige Stadt am Kaliao-Fluss, der während der Trockenzeit fast kein Wasser führt. Im Juli 2015 richteten drei Mädchen, die auf Motorrollern in die Stadt gekommen waren, ein Blutbad an. Zwei von ihnen hatten Sprenggürtel unter ihren Burkas, sprengten sich fast gleichzeitig auf dem Hauptmarkt in die Luft und töteten 12 Menschen; das dritte Mädchen zündete seinen Sprenggürtel erst drei Tage später in einer Straße mit vielen Außencafés. Dabei wurden 21 Menschen getötet und 80 verletzt. Die Regionalregierung ordnete eine ganze Reihe strenger Sicherheitsmaßnahmen an; Frauen wurde das Tragen von Burkas verboten, die Bars mussten bereits um 18 Uhr schließen, Bürgerkomitees erhielten Überwachungsaufträge, und Motorroller durften nach 20 Uhr nicht mehr fahren.

Als ich an einem Samstagmorgen auf dem Rücksitz eines Motorrades durch Maroua fuhr, musste der Fahrer ständig Schafen und halb verhungerten Hunden ausweichen. Soukous-Klänge (s. Link) – ein aus der Demokratischen Republik Kongo stammender lebhafter Musikstil – wehten von schäbigen Marktständen herüber. Sicherheit vorgaukelnde Militärtrucks drängten sich zwischen die in dieser Stadt allgegenwärtigen Motorroller. Wir passierten die baufällige Bar im Viertel Pont Vert, vor der die dritte Selbstmordattentäterin ihren Sprenggürtel gezündet hatte. Alle Spuren des Anschlages waren getilgt. Auch auf dem Markt, auf dem zwölf Menschen zerfetzt worden waren, herrschte wieder Normalität. Abgesehen von der erhöhten Militärpräsenz erinnerten nur die auf allen Taxis anbrachten Aufkleber mit der in Französisch aufgedruckten Warnung „Hütet euch vor Boko Haram!“ daran, dass Maroua am Rand der Infiltrationszone liegt.

An diesem Abend aß ich im Hof des Hotels Sahel Brathuhn mit Kochbananen – in Gesellschaft eines Offiziers der Armee Kameruns, der in der Infiltrationszone Dienst tat. Er erzählte mir, seit November werde diese Zone von einer neuen multinationalen Streitmacht überwacht, zu der auch die BIR-Elitesoldaten aus Kamerun gehörten. Aus einer anderen Quelle hatte ich aber erfahren, dass es in der multinationalen Truppe ständig Streit um die Befehlsgewalt gibt. Das nigerianische Militär fordert die Führungsrolle, die Militärs aus Tschad und Kamerun wollen sich aber nicht unterordnen. Dieser Zwist hat bisher eine echte militärische Zusammenarbeit der drei Staaten verhindert; die „multinationale Truppe“ an der Grenze zwischen Kamerun und Nigeria besteht fast ausschließlich aus Soldaten Kameruns; der Offizier, den ich Mitte Januar in Maroua getroffen habe, war vor unserer Begegnung mit seiner Truppe nur viermal kurz aus Kamerun über die Grenze nach Nigeria gewechselt.

Erst Mitte Februar fand im Rahmen der grenzüberschreitenden multinationalen Zusammenarbeit der erste größere Einsatz von Soldaten aus Kamerun in Nigeria statt. Gestützt auf Überwachungsdaten, die von den in Garoua stationierten US-Drohnen stammten, und erstmalig gemeinsam mit der nigerianischen Armee durchbrachen die BIR-Soldaten zwei Verteidigungslinien der Boko-Haram-Kämpfer und eroberten den befestigten islamistischen Schlupfwinkel Ngoshe – 10 Meilen (16 km) von der Grenze zu Kamerun entfernt. Dort fanden sie ein überhastet verlassenes Boko-Haram-Camp, in dem noch das Essen auf dem Tisch stand, und eine Bombenwerkstatt mit Materialien und Chemikalien zum Bau von Sprengstoffgürteln für Selbstmordattentäter. Nach einer Pressemitteilung der Regierung Kameruns konnten bei dem Angriff Dutzende von Frauen und Kindern aus Kamerun und aus Nigeria befreit werden, die in dem Camp gefangen gehalten wurden. Von einem westlichen Diplomaten habe ich erfahren, dass die von US-Drohnen aufgenommen Überwachungsfotos entscheidend zu dem Erfolg beigetragen haben.

„Die Aufklärungsmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts haben die Situation völlig verändert,“ fügte er hinzu.

Die neue Kooperation stehe aber noch am Anfang, gestand der Diplomat ein. Eine wichtige Frage sei noch nicht geklärt: Wer soll die von den US-Drohnen gesammelten Daten erhalten und kontrollieren? In den letzten beiden Jahre haben Teams der Geheimdienste Großbritanniens, Frankreichs und der USA in der nigerianischen Hauptstadt Abuja, in Maroua in Kamerun und in N‘Djamena im Tschad Informationen über Boko Haram gesammelt und analysiert. Sie haben Fotos von Überwachungsflügen und die Verhöre von Gefangenen ausgewertet und sie an das nigerianische Militär weitergegeben. Obwohl die US-Drohen des Typs Grey Eagle in Kamerun stationiert sind, besteht die nigerianische Regierung nach Aussage des Diplomaten weiterhin darauf, „vorrangig“ von den Aufklärungsergebnissen profitieren zu können. Nun werde versucht, durch den nigerianischen Streitkräften zugeteilte Geheimdienstler zu erreichen, dass auch die Truppen Kameruns und der anderen an dem multinationalen Einsatz beteiligten Staaten über die gewonnenen Erkenntnisse informiert werden dürfen. Während der Operation bei Ngoshe habe das funktioniert, es gebe aber aber keine Garantie dafür, dass es so bleibe.

Dass sich die beteiligten Staaten darüber streiten, wer die Militäreinsätze befehligt und die geheimdienstlichen Informationen erhält, zeigt, wie kompliziert der Drohnen-Krieg sein kann, weil ihn menschliche Schwächen wie Egoismus, Misstrauen und Rivalität erschweren. Ein weiteres Hindernis ist die Gewalttätigkeit der nigerianischen Soldaten. (Der neue Präsident) Buhari hat zwar einige höhere Offiziere, denen Gewalttaten vorgeworfen wurden, entlassen, aber die wegen ihrer Brutalität berüchtigte nigerianische Armee soll in den von Boko Haram beherrschten Gebieten trotzdem Tausende von Zivilisten gefoltert und getötet haben. Es besteht durchaus die Gefahr, dass die neuen Überwachungsmöglichkeiten der US-Drohnen noch mehr tödliche Gewalt gegen Zivilisten im Kampfgebiet auslösen.

LA DERNIÈRE ESCALE, auf Deutsch Endstation, heißt die schmuddelige Bar neben der Air Base 301 am Nordrand Stadt, die kurzzeitig zur beliebtesten Kneipe Garouas geworden war, weil man hoffte, dort mehr Informationen über die neue Basis für den Hightech-Drohnen-Krieg der USA zu bekommen. Das schäbige Etablissement, das einem Offizier der Luftwaffe Kameruns gehört, hat in der ersten Woche nach Ankunft der US-Soldaten Dutzende von Besucher angelockt, die unbedingt eine Drohne sehen wollten. Der Andrang hat sich längst gelegt. „Die meisten Menschen haben sich inzwischen an die Drohnen gewöhnt,“ meinte der Journalist Felix Swaboka. Ich war aber neu in der Stadt, und wollte möglichst bald nach meinem Eintreffen der Bar einen Besuch abstatten.

Swaboka und ich stellten einen Tisch und Stühle auf dem großen schmutzigen Parkplatz auf und bestellten bei einer mürrischen Kellnerin Bier, das wir im Voraus bezahlen mussten. Unter dem von grob behauenen Pfosten getragenen Wellblechdach saßen noch mehr Zivilisten und Soldaten vor Getränken und hörten der Musik aus einem Lautsprecher zu. Wir hatten uns einen ungewöhnlichen Ort ausgesucht, um eine der geheimnisvollsten US-Militäroperationen zu beobachten. Bald schlossen sich uns vier Kollegen Swabokas an, darunter auch Ernest Djonga, ein abgezehrter Mann in den 50ern, der in einem nur wenige hundert Yards (1 Yard = 0,91 m) entfernten Haus lebte.

Djonga konnte seine Aufregung kaum bändigen, während er uns berichtete, am Nachmittag des vorherigen Tages habe er sich zu Hause entspannt, bis er plötzlich um 16.30 Uhr Motorengebrumm hörte; dann sei am wolkenlosen Himmel eine Drohne mit den typischen Kennzeichen einer „Grey Eagle“ aufgetaucht. Die Drohne sei offensichtlich von einem Flug über die Infiltrationszone zur US-Basis zurückgekehrt. Djonga hatte die „Grey Eagle“ an ihren schmalen langen Tragflächen, ihrer „Knollennase“ und ihrem V-förmigen Leitwerk erkannt; sie habe gleichzeitig zerbrechlich und unheimlich gewirkt.


Satellitenfoto der US-Drohnen-Basis in Garoua 

„Sie kreiste etwa dreimal über meinen Kopf,“ erzählte er wild gestikulierend. „Sie war nicht so laut wie ein Kampfjet, und ihre Positionslichter blinkten wie bei einem Auto, das abbiegen will.“

Djonga war in sein Haus gestürzt, hatte seine Kamera gegriffen und zwei Fotos von der Drohne geschossen. Seine Kollegen pfiffen anerkennend, als er die Fotos auf dem Display seiner Kamera herumzeigte. Wir wandten uns wieder unserem Bier zu, hörten Musik und hofften darauf, dass noch einmal eine Drohne auftauchen würde. Als sich die ersten Sterne am dunkler werdenden Himmel zeigten und der Mond aufging, war klar, dass wir vergeblich gewartet hatten.

Bei Djonga und den anderen Journalisten, mit denen ich Bier getrunken habe, rief die US-Drohnen-Basis komplizierte Gefühle hervor. Sie waren begeistert, dass man Kamerun in seinem Kampf gegen den islamistischen Terrorismus nicht alleine ließ, und gleichzeitig beunruhigt, weil sie Zeugen einer hochkomplexen Militäroperation vor ihrer Haustür wurden. Die Drohnen über ihren Köpfen erinnerten sie aber auch an Kameruns Armut und Ohnmacht und daran, dass sie nur Bauern in einem globalen Schachspiel sind. „Ihr US-Amerikaner seid die Könige der Welt und fühlt euch nicht an Grenzen gebunden,“ sagte Djonga. „Und wir müssen uns damit abfinden.“ 



(Wir haben den langen Artikel komplett übersetzt, weil darin eindringlich die komplexe Lage in West- und Zentralafrika geschildert wird, über die unsere Mainstream-Medien kaum berichten. Es wird wohl nicht lange dauern, bis auch Nigerianer und Kameruner zu dem endlosen Flüchtlingsstrom nach Europa stoßen. Unter diesem Link ist eine von einem Leser entdeckte Ausschreibung für die Einrichtung einer Nachrichtenverbindung zwischen Garoua und einer Satelliten-Bodenstation bei Landstuhl – nicht weit von der US Air Base Ramstein entfernt – aufzurufen, die wir mit einem Ausschnitt dokumentieren. Danach drucken wir den Originaltext ab.)

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Quelle: Luftpost-kl




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