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Samstag, 9. April 2016

Kölner Silvester-Mob: Warum sollte Vergewaltigung verschwiegen werden?

Express - 6.4.2016 - Es sind Vorwürfe, die politisch kaum brisanter sein können. Sie kommen von der Polizei selbst, werfen ein ganz neues Licht auf den Umgang mit den Sex-Übergriffen in der Kölner Silvesternacht – und dürften für NRW-Innenminister Ralf Jäger (55, SPD) zu einer neuen, großen Gefahr werden:

Das Land hat offenbar am Neujahrstag versucht, Sex-Übergriffe zu vertuschen, darunter eine Vergewaltigung. Gestützt auf vertrauliche E-Mails und Vermerke enthüllt EXPRESS die unglaublichen Vorgänge.

Es ist gegen 13.30 Uhr am 1. Januar, als Jürgen H. auf der Kölner Kriminalwache erscheint, um Kriminalhauptkommissar Joachim H. als Dienstgruppenleiter im Spätdienst abzulösen, und das Ende des heiklen Anrufs noch mitbekommt.

Er hört, wie der Kollege sagt: Nein, man werde nichts stornieren und auch die Vergewaltigung bleibe drin. Schließlich sei das vaginale und anale Einführen von Fingern, wie bei Sandra S. geschehen, ja eben genau das.

Wenn das Ministerium eine andere Bewertung dazu habe, dann solle es sich direkt hier melden. Rund zehn Minuten zuvor, um 13.21 Uhr, war nämlich im Düsseldorfer Innenministerium und seinen angeschlossenen Behörden, eine „WE-Meldung“ aus Köln eingegangen. WE für „Wichtiges Ereignis“.

Der Inhalt ist von höchster Brisanz – denn schon damals war klar, dass es solche Taten, durch große Gruppen, in dieser Massivität, in diesem Ausmaß in Deutschland, in ganz Europa, noch nicht gegeben hat.

„Vergewaltigung, Beleidigung auf sexueller Basis, Diebstahlsdelikte, Raubdelikte begangen durch größere ausländische Personengruppe“, steht über der Kölner Nachricht.

Darunter: „Im Rahmen der Silvesterfeierlichkeiten kam es auf dem Bahnhofsvorplatz in der Innenstadt zu insgesamt bislang bekannten 11 Übergriffen zum Nachteil von jungen Frauen, begangen durch eine 40- bis 50-köpfige Personengruppe.

Die Frauen wurden hierbei von der Personengruppe umzingelt, oberhalb der Bekleidung begrapscht, bestohlen und Schmuck wurde entrissen. In einem Fall wurden einem 19-jährigen deutschen Opfer Finger in die Körperöffnungen eingeführt.

Die Tätergruppe wurde einheitlich von den Opfern als Nordafrikaner im Alter zwischen 17 und 28 Jahren beschrieben. Die Ermittlungen dauern an. Von weiteren Anzeigenerstattungen im Laufe des Tages ist auszugehen. Es wird nachberichtet.“

Eine unglaubliche Schilderung. Noch unglaublicher erscheint daher der besagte Anruf. Laut internen Polizeivermerken und E-Mails rief ein Beamter der Landesleitstelle, die Teil des Minister Jäger unterstellten Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD NRW) in Duisburg ist, nach Erhalt der brisanten WE-Meldung in Köln an, um die Bitte zu übermitteln, die Meldung zu „stornieren“ bzw. den Begriff „Vergewaltigung“ zu streichen.

Dies sei „ein Wunsch aus dem Ministerium“. Die Kölner Polizei blieb zum Glück standhaft. Eine direkte Anweisung aus der Landesregierung zur Vertuschung? Es wäre ein handfester Skandal.

Politisch ebenfalls höchst brisant ist, dass nach EXPRESS-Informationen Kripo-Vize-Chefin Heidemarie Wiehler bereits am Nachmittag des 10. Januar den Landeskriminaldirektor Dieter Schürmann sowie einen Referatsleiter im Ministerium über die Vermerke der Kollegen in einer als „vertraulich“ gekennzeichneten E-Mail mit dem Titel „Stornierungswunsch WE-Meldung vom 1.1. 2016“ berichtete und ergänzte, dass sie selbst am 1. Januar von Jürgen H. über den Wunsch des Landes informiert worden sei.

Sie habe bisher allerdings nicht nachgeforscht, wer der Anrufer gewesen sei. Sicher sei, dass es ein männlicher Beamter war.
Einen Tag später beschäftigte sich erstmals der Innenausschuss des Landtages mit der Silvesternacht.

Ziemlich laut – „das muss man ganz deutlich sagen“ – kündigte Jäger dort an, es dürfe „keine Tabus bei unbequemen Fragen oder politisch brisanten Antworten geben. Falsch verstandene Political Correctness ist jetzt fehl am Platze.“

Den Anruf in Köln erwähnte er nicht.

Ein Sprecher Jägers erklärte, das Ministerium habe am 1. Januar „keinen Auftrag zur Stornierung der WE-Meldung“ erteilt.

„Abstimmungsgespräche“ habe es zwischen dem Landeskriminalamt und Köln gegeben, räumte er jedoch ein.

Gegenstand der Telefonate sei u.a. die „Sachverhaltsdarstellung, die deliktische Einordnung der Straftatbestände, der Kräfteansatz der K-Wache und die polizeilichen Maßnahmen“ gewesen.

Quelle: Express
alternativ: http://web.archive.org/web/20160406095452/http://www.express.de/koeln/koelner-silvester-mob-warum-sollte-vergewaltigung-verschwiegen-werden--23836610

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