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Montag, 18. April 2016

US-Präsident kommt zur Messe: Für Obama wird Hannover zur Festung

Seit Tagen verkleben und versiegeln Polizisten in
Hannover Gullys. Foto: Imago
Neue OZ - Hannover. Obamania in Hannover: Weil der Präsident der USA am 24. und 25. April die Stadt besucht und die Messe eröffnet, herrscht Ausnahmezustand an der Leine. Doch nicht jeder findet den Besuch gut. Vor allem manche Betroffene.

Der 24. April ist ein großer Tag im Hause Gerschau. Knut Gerschaus Tochter feiert Konfirmation. Doch nicht zuhause am Hannover Congress Centrum (HCC) im Zooviertel. Sondern weit draußen in Isernhagen. Denn der 24. April ist auch ein großer Tag für Hannover. Der mächtigste Mann der Welt ist in der Stadt und eröffnet um 18 Uhr im HCC die Hannover Messe. Und dafür müssen die Konfirmanden weichen. Das Haus der Gerschaus liegt nämlich mitten in einem Sperrgebiet, in dem die Anwohner an diesem Sonntag bis zum Abend wenig dürfen: Nicht Auto fahren, nicht das Auto vor der Tür parken, nicht in den Garten gehen, nicht aus dem Fenster schauen oder gar winken.



„Man kann es auch übertreiben“, sagt Gerschau und blättert in einem Schnellhefter: Ausweiskopien der Kinder und der Verwandten, die zur Konfirmation aus Süddeutschland anreisen und bei der Polizei angemeldet werden mussten. Das Getue um Obama findet Gerschau albern. „Und wenn es albern wird, soll er wegbleiben.“


Der gefährdetste Mann der Welt

Albern findet Thomas Rochell den Aufwand nicht. Rochell ist Vizepolizeipräsident in Hannover und hält es für eine Verpflichtung, für die Sicherheit des mächtigsten Mannes der Welt zu sorgen. Und „mit seiner Funktion ist er auch der gefährdetste Mann der Welt“, sagt der Polizist in der großen Aula des Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasiums wenige Straßen vom HCC entfernt. Vor ihm sitzen etwa 70 Anwohner, die wissen wollen, was sie am Obama-Wochenende noch dürfen. Und die haben eigentlich Glück.

„Wir haben überlegt, ob wir die Nutzung der Wohnungen überhaupt zulassen dürfen“, sagt Rochell. Nun dürfen die Anwohner ihre Wohnungen „nutzen“, aber nicht viel mehr. Ein Vater fragt, ob sein dreijähriger geistig behinderter Sohn am Sonntag draußen in seinem geliebten Sandkasten spielen darf. Rochell sagt Nein. Ein Gastronom fragt, wer ihm das Wegbrechen aller Konfirmationsfeiern an diesem Tag ersetzt. Rochell verweist auf die Stadt. Eine Frau fragt, wie stark die Polizeipräsenz sein werde: „Sehr stark“, sagt Rochell.


Tausende Beamte im Einsatz

Viel konkreter wird die Polizei nicht: Von 5000 bis 10000 Polizeibeamten, die im Einsatz sind, ist in der Stadt die Rede. Von 2000 Gullydeckeln, die versiegelt werden. Von einer Flugverbotszone über Hannover, die offiziell bestätigt ist. Doch zu den Einsatzkräften und „konkreten polizeilichen Maßnahmen machen wir keine Angaben“, sagt ein Polizeisprecher. Eine Kostenschätzung gebe es ebenfalls nicht.

Klar ist, dass die Polizei knapp 3000 Anwohner mit Anschreiben informiert hat: Im Zooviertel, an der Messe und in den Herrenhäuser Gärten, wo Obama sich am Samstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen soll. Und ebenfalls klar ist, dass normale Menschen praktisch nirgendwo eine Möglichkeit haben, einen Blick auf den US-Präsidenten zu werfen: Die Gäste der Messe-Eröffnung im HCC sind handverlesen, seit Wochen überprüft und werden erst nach vielen Checks zu der Kuppelhalle gefahren.

Es ist ein Sicherheitsaufwand, wie ihn Hannover in seiner Geschichte noch nicht gesehen hat. Selbst als Russlands Präsident Wladimir Putin 2013 die Hannover Messe eröffnete, waren die Sicherheitsstandards weit niedriger. Auch HCC-Anwohner Knut Gerschau hat noch nicht erlebt, dass er nicht mehr in den Garten darf, dabei wird die Hannover Messe immer wieder von Mächtigen aus aller Welt eröffnet. „Angela Merkel war bestimmt schon ein dutzend Mal da“, sagt er. Obama wird Gerschau wohl nicht sehen. Genauso wenig wie seine Nachbarn, die meisten Hannoveraner oder gar Auswärtige. Wer den Präsidenten in Hannover unbedingt erleben möchte, für den hat die Polizei einen Rat: „Setzen Sie sich vor den Fernseher.“



Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung



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